Katzillion: In zehn Schritten zum Tierschützer

Es ist so weit – du hast dir eine zweite Katze angeschafft, fütterst kein Felix mehr und dich in zwei Facebookgruppen angemeldet. Du hast Blut geleckt: es ist an der Zeit, ein waschechter Tierschützer zu werden! 

Schritt 1: Wut 
Kaufe dir eine wahnsinnig unbequeme Jeans, einen BH der unerträglich drückt oder ein Paar Schuhe eine Nummer zu klein: Das hilft dir, eine ständig leicht aggressive Grundstimmung beizubehalten. 
 

 Schritt 2: Dichtung und Wahrheit
Die Herkunft deiner eigenen Katzen ist nicht ganz so mit deinen neuen Überzeugungen vereinbar? 
Kein Problem! Es liegen quasi genug Schicksale auf der Straße, die nur darauf warten, auf deinen Liebling zugeschnitten zu werden! 
Die Katze vom Ebayvermehrer wird zur wagemutigen Rettung, der Kater von Tante Fanny zur gerade noch aus der spanischen Tötungsstation geretteten Angstkatze und die Bauernhofkatze deiner Eltern wurde sozusagen erst gestern in einer Nacht und Nebel Aktion aus den Fängen von Tierversuchsmonstern befreit! 
 

Schritt 3: Missionierung 
Ernährung ist ein wichtiges Thema – zu wichtig, um es nicht zu deiner persönlichen Agenda zu machen! 
Während du darauf wartest, dass deine Ausgabe von “Katzen würden Mäuse kaufen” endlich von Amazon geliefert wird, nutze die Zeit! 
Fremde Menschen warten nur darauf, von dir im Supermarkt mit “wenn sie ihr Tier vergiften wollen, BITTESCHÖN!! Wie dumm kann man eigentlich sein?!” angepöbelt zu werden. 
Generell ist die inflationäre Beschimpfung deines Publikums als dumm immer anzuraten! 
Zeige deinen neugewonnenen Facebookfreunden, dass dir nichts heilig ist: Schreibe mutige Parolen unter die Social Media Posts von Futtermittelfirmen! Das wird ihnen eine Lehre sein!!!
Von dem Sack Purina Trockenfutter im Keller weißt schließlich nur du. 

Schritt 4: Vergangenheitsbewältigung 
Niemand interessiert sich für jemanden, der erst seit gestern dabei ist? 
Von wegen gestern! Schon seit JAHREN bist du aktiv im Tierschutz, schon als Kind hast du regelmäßig Tiere nach Hause gebracht und warst quasi schon als Kleinkind ehrenamtlich im Tierheim tätig. Ok, es war das eine mal als Mama dich zum Hasen streicheln mitgenommen hat und eigentlich war es auch der Zoo und die mit nach Hause gebrachten Tiere waren Regenwürmer, die du Tante Fanny ins Bett gelegt hast – aber wen interessieren schon diese Details.
DU bist ein HELD! 

  
Schritt 5: Propaganda 
Deine Agenda braucht mehr Gehör! 
Du bist dir zwar noch nicht so ganz sicher, was dein Filofax mit Tierschutz zutun hat, aber egal. 
Erhöhe deine Reichweite und erwecke auch Menschen, die nichts mit Tieren am Hut haben!
Tausend Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer? 
In deiner Innenstadt läuft ein Messerstecher Amok?
Deine Freundin wurde auf offener Straße überfallen? 
“JA WAS GLAUBT IHR WIE VIEL SCHLIMMER ES DEN UNKASTRIERTEN KATZEN DA DRAUßEN GEHT!!!” ist in jedem Fall eine eloquente und passende Antwort. 
Scheue dich auf keinen Fall, Vergewaltigung und Genozid als Vergleich heranzuziehen!

  

Schritt 6: Aktionismus, blindwütig 
Es wird Zeit für deine erste echte Rettung!
Schon seit Monaten stellst du Trockenfutter vor die Tür um die Streuner zu füttern. Dass deine Nachbarn meinen, die Streuner gehören ihnen und werden von dir gemästet und aus dem Haus gelockt, hat dich nie gestört – was wissen die schon! 
Lege dich nun mit einem Schmetterlingsnetz auf die Lauer, und fange eine dieser Katzen ein! Bringe sie in eine Auffangstation, also die Küche von Brigitte, deiner Tierschutzfreundin, und verweigere die Herausgabe an den Eigentümer wegen Verwahrlosung. Immerhin ist die Katze so fett! Fasse auch eine “”Erlösung”” ins Auge. 

Schritt 7: Esoterik 
Tierschutzvereine suchen immer händeringend um Hilfe? 
Biete deine Expertise an und verfasse online Anzeigen!
Nichts leichter als das: Mit einem Pendel und einem Nachschlagwerk zu Katzen suchst du eine Rasse aus und inserierst das Tier, das du noch nie gesehen hast, als lieb, verschmust und “eine absolute Herzenskatze!”. 
Gebrechen, die zu offensichtlich sind um sie unter den Tisch fallen zu lassen, sind die ideale Gelegenheit, um das Pendel auch mal wieder über mögliche Misshandlungen durch das Monster Mensch™ kreisen zu lassen! 
Es gibt ja so viele Messie-Wohnungen, woher soll man da genau wissen dass genau diese Katze nicht daher kommt..?? Na also! 

  

Schritt 8: Empörung 
Weil du in einer Mietwohnung lebst und du auch Brigittes mit Urin durchtränktes Haus eigentlich gar nicht so geil findest: engagiere dich online!
Plattformen wie Avaaz oder changeDOTorg sind wie dafür geschaffen, deinen Willen durchzusetzen! 
Diese elende Bitch will immer noch nicht glauben, dass nur dein Futter das richtige ist?! Der kannst du es zeigen! Entfessle den Mob und poste gleich noch eine Kopie deiner wütenden Mail an das Veterinäramt! Muss ja niemand wissen, dass du dort auf der Spamliste stehst. 

Schritt 9: Eine Sache der Ehre
Eigentlich das wichtigste, deine tägliche Fußarbeit:
Like jede Tierschutzsseite, die dir unterkommt. Teile und like jeden Post! Egal ob Ölpestmöven, Zirkuselefanten oder Wattwurmwühltisch: Du kennst sie alle! Und du RETTEST sie alle! Die rechte Hand in der Pringles Schachtel, die linke am Puls der Zeit!
Kein Titel kann dir zu reißerisch sein, kein Hoax zu offensichtlich: Dein Feed quillt vor emotionaler Manipulation über. 
Nicht jeder Betroffenheitspost entspricht der Wahrheit? “DIE WAHRHEIT KÖNNT IHR DOCH GAR NICHT ERTRAGEN!!” hat sich schon bei Jack Nickelson großartig angehört! 

  
Schritt 10: Religion
Lass dir in großen Lettern über dein Schambein tätowieren: Egal was ich tue und wie ich es tue: 

Ich bin das Recht 
und die Kraft 
und die Selbstherrlichkeit, 
in Ewigkeit, Tierschutz. 
👏

  
Anmerkung der Redaktion:

Mir ist bewusst, dass viele Menschen sich täglich aufopfern, um den vergessenen Tieren dieser Gesellschaft eine zweite Chance zu geben. Dass wir als Gesellschaft diese Menschen brauchen und sie viel zu wenig würdigen. Umso trauriger macht es mich, wenn die privaten Marktschreier auf Facebook und auch die schwarzen Schafe der Organisationen ihre Verantwortung missbrauchen und den Ruf derer, die mehr Anerkennung brauchen, in den Schmutz ziehen.
Dieser Post ist für beide: Die, die wissen, dass sie phänomenale Arbeit leisten, können über die Satire lachen. Und die Tastaturtierschützer, die sich davon angegriffen oder diffamiert fühlen, können die Gelegenheit zur inneren Kontemplation nutzen.
So haben wir alle was davon!
Ähnlichkeiten zu realen Personen und Geschehnissen sind rein zufällig.

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